Knechtgschichtn

Knechtgschichtn

Geschichten von Knechten

Wurde man am Hofe nicht als erster Sohn geboren, war man meist – ob man wollte oder nicht – dazu bestimmt, sich auf einem anderen Hof als Knecht zu verdingen. Am Außerberg (am Nordhang des westlichen Sextentals) lebte einst ein Knecht, der sich das kärgliche Dasein durch seinen außerordentlichen Humor erhellte. Seine Streiche waren nicht wenige und man erzählte sich noch lange über sein Ableben hinaus davon.

Die Not in der Nachkriegszeit war groß und der Hunger plagte die Menschen. So ersann der Knecht eine List, wie er ohne (zumindest gleich) ertappt zu werden, an etwas Nahrhaftes käme. Er holte aus dem Stadel einen Strohhalm – also einen richtigen Halm aus Stroh – und schlich sich in die Speisekammer. Denn dort stand der Schmolzkibl. Das ist ein kleiner Bottich für das ausgelassene Fett, das nur langsam von oben nach unten gerinnt. Ganz am Rand des Bottichs nahm er nun gekonnt den Einstich vor und trank das noch flüssige Schmal unter der geronnenen Oberfläche vorsichtig leer, ohne diese zum Einbruch zu bringen. Man kann sich denken, wie überrascht seine Mutter war, als sie mit einem Löffel Schmalz aus dem Bottich holen wollte – und durch die verbliebene Kruste ins Leere stach.

Im Winter hielt seine Mutter oft im Schnee nach seinen Spuren Ausschau, wenn sie wissen wollte, ob er schon vom Wirtshaus heimgekommen war und vielleicht schon in do Kommo isch (schon auf seinem Zimmer ist), oder ober erst gegangen war. Dass ihm nachspioniert wurde, konnte er jedoch gar nicht leiden. Damit seine Mutter nicht merkte, dass er sich wieder davongemacht hatte, ging er entweder rückwärts vom Haus weg, um Spuren zu hinterlassen, die in die Gegenrichtung zeigten, oder er versuchte sich als Akrobat und sprang von Zaunpfahl zu Zaunpfahl, so dass er auf dem Weg erst gar keine Spuren hinerließ.

Doch seine Mutter war nicht die einzige Leidtragende. Auf einem Bauernhof, wo er zu Diensten war, wusste die Familie eine ganze Reihe von kleineren und größeren Neckereien zu berichten.

Einmal gab es dort zu Mittag Blutnudeln – ein traditionelles Gericht, für welches der Nudelteig aus Mehl und beim Schlachten anfallendem frischem Schweineblut gemacht wird. Die aus dem Teig geschnittenen Bandnudeln werden dann getrocknet. Für die Zubereitung werden sie gekocht und mit Kartoffelscheiben und viel Knoblauch und Butter in einer Pfanne gebraten. Die Bäuerin hatte nun für die vielen Esser nicht gerade eine Menge in der Pfanne. Wieder verfiel der Knecht auf eine List, um das Nahrungsangebot aufzubessern – ob er es gut oder böse meinte, weiß man bis heute nicht. Denn er fädelte still und leise sämtliche leddran Schuicheneischtl (ledernen Schuhbänder), die er am Hof finden konnte, aus den Schuhen, schnitt sie in Stücke und rührte sie in einem unbeobachteten Augenblick unter die Blutnudeln in der Pfanne auf dem Herd. Am Tisch wunderten sich schließlich alle, warum denn die Nudeln heute nur so zäh seien - fast alle wunderten sich.

Seine Späße waren nun auch nicht immer ganz ungefährlich. Einem unliebsamen Nachbarn lehnte er eines Nachts einen Prigl (einen kurzes, ein Stück eines Baumstamms) gegen die Haustür. Als der Bauer am Morgen nichtsahnend das die Tür aufsperrte und nach dem Wetter schauen wollte, wurde er kurzerhand durch das Gewicht des Holzstückes zurückgeschleudert und landete in do Labe (im Hausflur des Bauernhauses) auf dem Hintern.

Der letzte Schwank aus dem Leben des listigen Knechts, der hier erzählt werden soll, hat, so könnte man sagen, mit der Landwirtschaft im engeren Sinne zu tun, denn der Knecht machte sich eines Nachts als Gärtner „nützlich“. Das Ganze hatte wieder einmal mit dem stolzen und ungestümen Charakter unseres Knechts zu tun: Eine Bäuerin hatte ihn einmal beleidigt – die Details der Ehrenverletzung wird der Nebel der Vergangenheit nicht mehr freigeben. Jedenfalls, so dachte wohl der Knecht, dürfe die Tat nicht ungesühnt bleiben. So machte er sich, erneut im Schutze der Dunkelheit, daran, der Frau bei der Gartenarbeit zu „helfen“. Er betrat den Gemüsegarten und beschloss, dass die Wurzeln der Salatköpfe doch etwas Frischluft vertragen könnten – und machte sich ans Werk. Einen nach dem anderen zog er die Salatköpfe aus der Erde und „pflanzte“ sie mit den Wurzeln nach oben wieder ein. Dabei soll er auch ein fröhliches Liedchen auf den Lippen gehabt haben, und das ging in etwa so: „Haint gar̊tlt do Pui, morgn gar̊tlt do Pui!“ – „Es arbeit’ der Bub heut’ im Garten, es arbeit’ der Bub morg’n im Garten!“ Der Salat und die Bäuerin werden von den Agrikulturkünsten des Knechts weniger begeistert gewesen sein.