Va inndre Pettla und außra Wetto

Va inndre Pettla und außra Wetto

Über Bettler aus dem Osten und Gewitter aus dem Westen

Wetterregeln gibt es einige im Volksmund, besonders in ländlichen Gebieten und so auch in Sexten. Dabei gibt es für jede Jahreszeit andere. Besonders genau beobachtete man einst das Wetter im Sommer. Schließlich hing vom Wetter und davon, wie man damit umging, die Ernte ab. Am gefürchtetsten waren dabei die Sommergewitter. Die meisten ziehen von Westen ins Tal herein. Im Bereich der Alten Säge am westlichen Ende des Dorfes befindet sich nun eine kleine Wetterscheide. Dieses ist dadurch bedingt, dass genau dort die Talmündung des Innerfledtales liegt. In dieses Tal verzieht sich nun häufig ein Großteil des düsteren Gewölkes und die Gewitter kommen nur in abgeschwächter Form im Siedlungsgebiet an. So ist zum Beispiel auch Hagel, eines der heftigsten Gewitterphänomene, im Dorf relativ selten. Von diesen westlichen Wettern rührt die Überschrift dieses Texts, denn sie spielt auf den folgenden Spruch an: „Va indre Pettla und va außra Wetto prauchschide eitt zi fir

tn! - Vor Bettlern aus dem Osten und Gewittern aus dem Westen musst man sich nicht fürchten . Das Eigenschaftswort außo bedeutet nämlich in diesem Fall westlich. Es bedeutet dies aber nicht grundsätzlich, sondern gehört zu einem im Sextnerischen vorkommendem System der Richtungsangabe, das nicht absolut ist wie die vier Himmelsrichtungen Osten, Süden, Westen und Norden, sondern relativ und zwar meistens auf ein jeweiliges Haus bezogen: außo bedeteutet „talauswärts gelegen(es)“, indo „taleinwärts gelegen(es)“, oubo „bergauf gelegen(es)“ und unto „bergab gelegen(es)“. Je nach Krümmung und Richtung des Talverlaufs müssen diese Richtungsadjektive also nicht mit den klassischen vier Himmelsrichtungen übereinstimmen. Zu den Eigenschaftswörtern gibt es übrigens auch entsprechende Umstandswörter: außor

tom, indor

tom, oubor

tom und untor

tom. Diese können für sich alleine stehen und beantworten die Frage wo? . Was meinte man aber nun mit indre Bettla? Das waren Bettler/-innen, die früher aus den nächstgelegenen italienischen Dörfern hinter dem Kreuzbergpass im Südosten nach Sexten kamen, um sich etwas Essen zu erbitten. Sie wurden als so harmlos wahrgenommen wie eben die Gewitter, die vom Westen aufzogen. Dazu gibt es nun eine Geschichte von einem schelmischen und in diesem Fall sogar arglistigen Sextner Knecht. Angela hieß sie, das ältere, leicht buckelige, liebenswürdige Mütterchen aus dem Comelico, hinter dem Kreuzbergpass. Jedes Jahr im Herbst, wenn in Sexten die Ernte eingebracht war und zi Kir

ta (am Kirchtag) die Bauersleute für die vielen Früchte gedankt hatten, dann kam sie mit einem Rug

g

ekorbe (Rückenkorb) über den Pass, dürftig gekleidet und gemächlichen Schrittes, in der Hoffnung auf ein paar Gaben. Von Bauernhof zu Bauernhof wanderte sie unermüdlich, bettelte um Butter, Eier, Mehl, Speck und dergleichen, ohne jemals aufdringlich zu werden. Schließlich erreichte sie den Außerbacher Hof und klopfte an die Haustür. Es war jedoch niemand zuhause außer dem Knecht. Dieser aber - den Schalk im Nacken - schlich nach oben, huschte durch den Stadel an der Hinterseite des Hauses hinaus, um rasch einen Stein zu holen. Schtumpfesouckat (auf Socken), damit man seine Schritte nicht hörte, eilte er über den Tenn (Flur im ersten Obergeschoß) zurück und kroch hinaus auf den Soldo (Balkon). Direkt unterhalb von ihm stand sie immer noch, die Angela, und wartete auf Einlass. Da ließ er von oben den Stein genau in ihren Korb fallen. Die Eier, die sie zuvor geschenkt bekommen hatte, zerplatzten, liefen über den Rest ihrer Ware und tropften schließlich zwischen dem Flechtwerk des Korbes auf den Boden. Das alte Weiblein machte sich schimpfend davon und besuchte diesen Hof nie wieder. So hatte man wohl indre Pettla nicht zu fürchten, sie wohl aber manchen Sextner. Den Spruch aus dem Titel gibt es allerdings auch umgekehrt: Indra Wetto, außre Bettla. Türmten sich die Gewitterwolken hinter dem Kreuzberg im Osten, statt im Westen wie sonst und es kam zu einem indon Wetto, dann fuhr auch den Sextnern die Angst in die Glieder. Es waren dies nämlich die gefährlichsten Gewitter und nicht selten brannte dadurch in Sexten ein Hof wegen Blitzeinschlages nieder. Das machte auch manche Einwohner von Sexten zu Bettlern, die nun selbst auf fremde Hilfe angewiesen waren.