Do leischte Dorfschraia

Do leischte Dorfschraia

Der letzte Dorfschreier

Es ist noch nicht so lange her, dass man in Sexten, was die Kommunikationsmittel anbelangt, noch in einer ganz anderen Zeit lebte. Kein Handy, nur einzelne Telefone und Fernsehgeräte und auch der Straßenverkehr war noch kaum entwickelt: Ende der 1970er Jahre war die letzte Zeit, in der ein hagerer Mann namens Sebastian noch als Dorfschreier das Wichtigste, was in den jeweils folgenden Wochen an Erledigungen anstand, lauthals verkündete. Jeden Sonntag nach dem Schpeitakirchn („Späterkirchen“ = Messe )stellte er sich unmittelbar danach unton Kirchgodn (am Fuße eines in den Hang gebauten Anbaus der Friedhofsmauer). Er stand auf dem halbrunden Treppenabsatz in der Stufenreihe, die nach oben zum Totentanzgemälde führt und verkündete mit kräftiger Stimme: in Eir

ta isch do Fairaisnkranz zi zohl (am Dienstag ist XY zu bezahlen), in Mitta kimmpt do Pato (am Mittwoch kommt der Pater), in Pfinzta isch zi meldn, wer Pame zachn lossn will (am Donnerstag ist zu melden, wer Bäume zum Fällen anzeichnen lassen will), in Fraita kemmse van KVW (am Freitag kommt jemand vom Katholischen Verband der Werktätigen vorbei – einem Sozialverband in Südtirol) usw. Er war es, der die Dorfbevölkerung über das Wichtigste informierte, damit niemand wichtige Termine verpasste. Sein Publikum, die vielen Kirchgänger, standen ringsum auf der Straße neben dem Pfeifhofer Haus und der alten Grundschule. Die wenigen Autos, die es gab, mussten warten, bis der Zauber vorbei war, und die Hektik war damals vielleicht auch noch nicht so groß. Das Ganze erinnerte etwas an eine Thingversammlung eines germanischen Stammes im Frühmittelalter. Man traf sich und wartete zusammen, bis der Waschtl (Sebastian) alle bürokratischen Neuigkeiten wie von der Kanzel herunter verkündet hatte. War der Dorfschreier aus irgendeinem Grund an einem Sonntag nach dem Gottesdienst einmal nicht auf seinem angestammten Platz, so fühlte man eine große Leere. Dem engagierten Dorfpolitiker Sebastian – dem letzten Dorfschreier – gebühren für diese damals äußerst notwendige Tätigkeit im Nachhinein Dank und Ehre.