Haint missat do Tatlkruma kemm
Heute müsste der Totengräber kommen
Noch weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus waren in Sexten die Bauern noch hauptsächlich Selbstversorger, wie auch anderswo in ländlichen Gebieten. Eingekauft wurden nur einige wenige Dinge, die selbst nicht produziert wurden oder werden konnten. Zug
g
o (Zucker) und Tirg
a Mehl (Maismehl Mais wurde früher Türkenkorn genannt siehe entsprechender Eintrag im Wörterbuch-Teil) kaufte man in großen Säcken pa Mittomilla (beim Mittermüller Haus das war die Mühle in der Dorfmitte) und beförderte sie mit Pferd und Wagen nach Hause. Einmal wöchentlich trat die Bäuerin selber den Weg ins Derfl (in den Dorfkern) an, um a Kibbile Mamiladde (ein Eimerchen Marmelade), a por Pomorantschn (ein paar Orangen), awwin Zwirn (etwas Zwirn) oddo a poor Schuichneischtl zi kafn (oder ein paar Schuhbänder zu kaufen). Daneben gab es noch eine andere Handelsform mittels derer man Waren erwerben konnte: di Kruma (die Wanderkrämer). Im Frühjahr, Herbst oder Winter schauten sie vorbei, die Krämer aus dem Fersental, einer deutschen Sprachinsel in der italienischsprachigen Nachbarprovinz Trentino, südlich von Südtirol. Kilometerweite Strecken legten sie zurück, um ihre Ware feil zu bieten. Schwer beladen mit der Kraxe (Rückentrage) am Rücken stapfte er daher, der anaugate Kruma (einäugige Krämer). Die Bauernkinder verschwanden lautlos aus der Stube, wenn er klopfte und zur Tür hereinlugte. Zu geisterhaft erschien den Kleinen das Aussehen dieses älteren Mannes mit nur einem Auge. Er war aber eigentlich herzlich, amüsant und vor allem ehrlich. Völlig verschwitzt vom Tragen der schweren Last ließ er sich auf den Ofenbank nieder und zeigte nach kurzer Rast seine verschiedenen Stoffe her: Schürzenstoff, Hemdenstoff, Hosenstoff und Bänder für die Haiplochn (Heuplanen, in welche die Bauern mehrere Kubikmeter große Heubündel schnürten, um sie auf den Schultern tragen zu können). Einiges wurde ihm abgekauft und er bekam zu essen, wenn gerade Essenszeit war. Übernachtet hat er pan Gottra afn Schtubbmoufn (am Gatterer Hof auf dem Stubenofen). Nicht nur Krämer mit Stoffen zogen vorbei, auch do Tatlkruma. Seine Krämerware ließ sich nur sehr umständlich transportieren. Er trug eine Kiste aus Holz mit vielen kleinen Schubladen (Tatlan er war also der Schubladenkrämer) auf dem Rücken sperrig und hart. Wenn die Tage näher kamen, an denen er wieder kommen sollte, eilten die Schulkinder nach Hause, um ihn nicht zu versäumen. Er war der Einzige, der auch etwas für Kinder dabei hatte. Stand die Kiste erst mal wieder auf dem Stubentisch eines Bauernhofes, guckten alle gespannt, was sich wohl in jeder dieser vielen Schubladen verbarg: Knöpfe, Zwirn in allen Farben, Sicherheitsnadeln, Reißverschlüsse, Haftlan (Haken und Ösen) und Drucka (Druckknöpfe), Brosche u.v.m. Da bekam schon ab und zu ein Mädchen von seiner Mutter eine Brosche für ihr Sonntagskleid. Über Jahre wurde das Glitzerstück getragen, geschätzt und gehütet. Erinnerungen an die Einkehr des Tatlkruma sind an Nostalgie kaum zu überbieten. Allein der Gedanke an die Farbenpracht des bunt gemischten Kleinkrams ließe Kinderherzen höher schlagen, wenn es hieß: Heute müsste der Kleinkrämer kommen.